Heilmittel-Report 2026: Therapieberufe brauchen politische Entscheidungen statt weiterer Kostendebatten

Mit dem Heilmittel-Report 2026 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) liegt erneut eine umfangreiche Analyse zur Situation der Heilmittelversorgung in Deutschland vor. Aus Sicht des Spitzenverbandes der Heilmittelverbände (SHV) zeigt der Bericht die Entwicklungen im Heilmittelsektor auf und untermauert wesentliche Herausforderungen, die die Therapieberufe seit Jahren benennen wie beispielsweise Fachkräftemangel, erheblicher Reformstau bei den Berufsgesetzen, unzureichende Forschungsstrukturen – es zeigt sich ein deutlicher Nachholbedarf bei Entbürokratisierung, Digitalisierung und interprofessioneller Versorgung.

Gleichzeitig sieht der SHV kritisch, dass die öffentliche Kommunikation zum Heilmittel-Report und die begleitenden Aussagen der Auftraggeber einen starken Schwerpunkt auf die Ausgabenentwicklung im Heilmittelbereich legen. Der Bericht selbst beschreibt jedoch deutlich umfassender die strukturellen Herausforderungen und Entwicklungspotenziale der Heilmittelversorgung.

Versorgung darf nicht auf Kosten reduziert werden

In der begleitenden Pressekommunikation wurden vor allem die steigenden Ausgaben für Heilmittel und die Kostenentwicklung bei Blankoverordnungen hervorgehoben. Aus Sicht des SHV greift eine Diskussion zu kurz, die sich vor allem auf Kostenentwicklungen fokussiert.

Der Report zeigt übersichtlich die Gesetzesentwicklung im Heilmittelbereich auf und auch, dass durch die gesetzlichen Änderungen – wie die Entkopplung von der Grundlohnsumme – die Berufsverbände in den vergangenen Jahren deutliche Vergütungsverbesserungen erreichen konnten. Diese sind jedoch als Ausgleich für die langjährige finanzielle Benachteiligung vor dem Jahr 2017 zu betrachten.

Für den SHV steht fest: Heilmittel sind kein Selbstzweck und kein Kostenfaktor, der isoliert betrachtet werden darf. Heilmittel dienen dem Erhalt von Mobilität, Kommunikation, Selbstständigkeit und gesellschaftlicher Teilhabe und tragen dazu bei, Folgekosten durch Pflegebedürftigkeit, Chronifizierung oder Krankenhausaufenthalte zu vermeiden.

Der Heilmittel-Report 2026 belegt politische Versäumnisse

Der Heilmittel-Report beschreibt an zahlreichen Stellen Reformbedarfe, die seit Jahren bekannt und zentraler Bestandteil der politischen Forderungen des SHV sind:

  • Deutschland nimmt bei der Akademisierung der Therapieberufe eine Sonderrolle in Europa ein.
  • Die Berufsgesetze sind teilweise mehr als 30 Jahre alt und entsprechen nicht mehr den Anforderungen moderner Gesundheitsversorgung.
  • Es fehlen flächendeckende Forschungsstrukturen.
  • Interprofessionelle Versorgung wird seit Jahren gefordert, scheitert aber häufig an fehlenden Rahmenbedingungen.
  • Der Wissenschaftsrat empfiehlt seit Jahren deutlich höhere Akademisierungsquoten, die in der Logopädie/Sprachtherapie zum Zeitpunkt der Empfehlung bereits überschritten waren und in anderen Berufsgruppen bis heute nicht erreicht werden.  

Für den SHV dokumentiert der Bericht deshalb weniger ein Problem der Therapieberufe als vielmehr ein Umsetzungsdefizit der Gesundheitspolitik.

Akademisierung bleibt Schlüsselfrage

Besonders deutlich werden die Defizite im Bereich Ausbildung und Professionalisierung. Der Report verweist darauf, dass in 82 Prozent der europäischen Länder ein Bachelorabschluss und in weiteren 13 Prozent ein Masterabschluss Mindestvoraussetzung für die Berufsausübung in der Physiotherapie ist. Ähnliches gilt für die Ergotherapie und Logopädie. Deutschland bleibt hier die Ausnahme. Gleichzeitig werden die positiven Effekte akademischer Ausbildung auf Evidenzbasierung, Qualitätsentwicklung, wissenschaftliches Arbeiten, interprofessionelle Zusammenarbeit und erweiterte Verantwortungsübernahme ausführlich dargestellt.

Der SHV teilt die Einschätzung von Prof. Dr. Christian Kopkow, der im Rahmen des Heilmittel-Reports den fehlenden politischen Willen kritisiert, einen echten Transformationsprozess in den Therapieberufen einzuleiten.

Erkenntnisse zum Direktzugang liegen vor

Der Heilmittel-Report beschreibt den Direktzugang als international etabliertes Versorgungsmodell und verweist auf Studien, die Vorteile hinsichtlich Wartezeiten, Versorgungseffizienz und Ressourceneinsatz aufzeigen.

Auch diese Ausführungen untermauern die Position des SHV: Die Potenziale des Direktzugangs im Heilmittelbereich sind wissenschaftlich umfassend beschrieben. Noch immer fehlt aber die politische Umsetzung, um den Direktzugang auch in Deutschland in die Versorgung der Menschen einzubinden.

Fachkräftemangel gefährdet Versorgungssicherheit

Der Report dokumentiert den zunehmenden Fachkräftemangel als zentrales Risiko für die Versorgungssicherheit der Menschen. Die Versorgungsbedarfe steigen durch Alterung der Bevölkerung, chronische Erkrankungen und Multimorbidität.

Aus Sicht des SHV gefährden lange Wartezeiten auf Therapiebeginn, regionale Versorgungsengpässe und zunehmende Belastungen in den Heilmittelpraxen schon heute die Versorgung vieler Patientinnen und Patienten. In kaum einem anderen Bereich des Gesundheitswesens bleiben offene Stellen so lange unbesetzt wie in den Therapieberufen.

Mehr Verantwortung braucht Vertrauen

Der SHV setzt sich intensiv für die Weiterentwicklung therapeutischer Versorgung und Verantwortungsbereiche ein und dafür, dass Blankoverordnungen, Direktzugangsmodelle und neue Formen interprofessioneller Versorgung zur Versorgungsrealität in Deutschland werden. Allerdings dürfen politische Diskussionen und das Ringen um eine moderne

Gesundheitsversorgung nicht auf die Frage reduziert werden, ob neue Versorgungsformen zunächst Kosten verursachen. Das greift zu kurz und wird den Herausforderungen nicht im Ansatz gerecht.

Forderungen des SHV – Politik am Zug

Der Heilmittel-Report 2026 macht deutlich, dass die entscheidenden Herausforderungen seit Jahren bekannt sind. Der SHV fordert deshalb:

  • angemessene wirtschaftliche Rahmenbedingungen für die Therapiepraxen,
  • die zügige Reform aller Heilmittelberufsgesetze,
  • den Ausbau akademischer Ausbildungsangebote,
  • eine stärkere Einbindung der Therapieberufe in Versorgungssteuerung und Primärversorgung,
  • den Ausbau von Versorgungsforschung und Qualitätsmessung,
  • den Abbau bürokratischer Belastungen,
  • eine praxistaugliche Digitalisierung,
  • sowie die konsequente Förderung interprofessioneller Versorgungsstrukturen.

Fazit und Ausblick

Der Heilmittel-Report 2026 belegt eindrucksvoll die hohe Bedeutung der Therapieberufe für die Gesundheitsversorgung. Er zeigt aber auch, dass weitere zentrale Reformen seit Jahren ausstehen. Aus Sicht des SHV darf die Debatte deshalb nicht primär über Kostenentwicklungen geführt werden. Die eigentliche Frage lautet, warum die im Bericht beschriebenen strukturellen Defizite, wissenschaftlichen Erkenntnisse und Reformempfehlungen bislang nur unzureichend gesundheitspolitisch umgesetzt wurden.

Für den SHV steht fest, die Therapieberufe sind bereit, Verantwortung für die Versorgung der Zukunft zu übernehmen. Jetzt braucht es den politischen Willen, die dafür notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Am 11. November 2026 wird der SHV-Vorstand im Rahmen des 8. Therapiegipfels in Berlin öffentlich mit Gesundheitspolitikerinnen und Gesundheitspolitikern, Expertinnen und Experten sowie den Teilnehmenden diskutieren. Mehr Informationen zum TherapieGipfel finden Interessierte hier.

 

 

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